Das Theaterstück Bauch aus Eisen

Der kluge Künstler macht es wie Marcel Duchamps: Wenn er ins Exil geht, packt er in seinen Koffer eine 'Sculpture for Travelling'. Eine Skulptur für unterwegs, die er ohne weiteres dabei haben kann. Bei dem zwischen Kontinenten pendelnden, französischen Künstler Duchamps war es ein Gespinst aus zerschnittenen Badekappen: Die miteinander verklebten Gummibänder ließen sich mit Schnüren jedes Mal wieder neu und anders im Raum aufspannen. Das geht auch heute, 90 Jahre später, in jedem Hotelzimmer und jedem Winkel der Welt. So ein mitgenommenes Kunstwerk ist ein Stück des eigenen Denkens. Und das Eigene tut gut, man fühlt sich in der Fremde nicht mehr unbehaust. - Also bitte beim Kofferpacken das Kunstwerk nicht vergessen!

Wer trotzdem nicht dran gedacht hat und in einer unbekannten Stadt mit der Aussicht, dauerhaft zu bleiben, ohne einen Bausatz aus Badekappen dasteht, muss zusehen, wie er zurechtkommt. Er muss Vorlieb nehmen mit dem, was ihm geboten wird, entlang der lauten, befahrenen Straßen. Er muss die Augen offen halten. Und fällt es noch so schwer, weil es früh am Morgen ist, der Wind kalt ist und die meisten Läden geschlossen sind. Kalt und geschlossen erscheint einem Fremden wahrscheinlich sowieso alles, was ihn umgibt und alles, was in ihm drin ist! Die wesentliche Frage lautet: "Wie um Himmels Willen kann man hier leben?"

Wer in einer derartigen Gefühlslage die Sankt Pöltener Straße in Heidenheim herunter stolpert, hat aber die Chance, etwas zu finden, das ihn kuriert! Es ist eine Skulptur eines weiteren französischen Künstlers: ein übergroßer, rostiger Metallquader. Er ist auch nicht hübsch im herkömmlichen Sinne, ähnlich wie die unspektakulären Badekappenstreifen. Aber er ist erfrischend andersartig und setzt
sich mit seinem rostigen Pelz souverän vom Drumherum ab und tut etwas nerwartetes: Er streckt einen kleinen Stuhl in die Luft! Er lässt ihn im Kreis fahren, sogar durch den Quader hindurch. Es gibt einen Schlitz, der ihn haarscharf passieren lässt ... So wird der sonst fenster- und türenlose Körper plötzlich leicht. Leicht und offen. Der sich langsam drehende Stuhl lädt den Fremden ein: „Komm her, nimm Platz!“ - Zwar geht das nur gedanklich, man kann sich nur in der Vorstellung hinsetzen, aber es bringt dennoch viel: Wo der Kopf einen Platz für sich gefunden hat, finden auch die Knochen Ruhe und schöpfen neue Kraft! Man entwickelt neuen Mut und Zuversicht. Die Skulptur mit ihrer rostigen Haut bietet jedem Vorbeikommenden eine Ration Gelassenheit. Sie wurde 1997 von Denis Pondruel beim ersten Heidenheimer Bildhauersymposion aufgestellt und ist noch heute da: ein Bauch aus Eisen.

Eine der vergesslichen Reisenden, die Jahre später nach Heidenheim kam - ohne die entsprechende Portion Kunst im Gepäck - ist die Autorin und Regisseurin Eva Borcherding. Es war an einem viel zu kalten Wintermorgen, die Luft war schneidend kalt. Aber die Skulptur von Pondruel hat auch ihr augenzwinkernd den Stuhl zum Verweilen angeboten.

Aus dieser unverhofften Begegnung wurde das Theaterstück: Bauch aus Eisen. Die Protagonistin kommt in die fremde Stadt und nimmt sich einen Begleiter, um nicht alleine durch die Straßen laufen zu müssen. Auch er ist ein Außenseiter. Es ist die Hauptfigur aus dem Romanklassiker 'Berlin Alexanderplatz': Franz Biberkopf, der entlassene Zuchthäusler. Mit ihm macht sie ihre ersten Schritte durch den Ort.
Eine ihrer Entdeckungen: Das Befremdlichste – die Kunst – kann helfen, sich besser zu fühlen. Man ist plötzlich weniger fremd.

Buch & Regie: Eva Borcherding. Schauspiel: Beate Krist und Margaritha La Rosée