Klaus Illi
RATSCHENORCHESTER und Chor der Whistleblower

Wer Krach macht, erzeugt Aufmerksamkeit. Damit zählt das Krachmachen zu den ursprünglichsten sozialen Äußerungsformen des Menschen, denn mit Krach kann ein Mensch seinesgleichen vor Gefahren warnen oder aber seine Dominanz über andere Menschen ausdrücken, weil der Lärm eben alle anderen Formen der Kommunikation unterbindet und den Krachmacher somit stark und dominant erscheinen lässt.

Aus diesem Grund bleibt das Krachmachen im normalen Alltagsleben meist auf wenige, rituell legitimierte Ereignisse wie Feste, Kriege, Demonstrationen oder Spiele beschränkt. Wobei im Laufe des Zivilisationsprozesses auch dieser Lärm meist zu ordentlich aufgeführter Musik domestiziert wurde. Doch trotz dieser zivilisatorischen Erfolge haben sich bis heute sowohl die ursprünglichen menschlichen Impulse zum Krachmachen und als auch die urtümlichen Instrumente zu dessen Erzeugung - Trommeln, Pfeifen und Ratschen – erhalten.

Wenn nun ein Künstler wie Klaus Illi jene uralten Lärmerzeugungsinstrumenten mit modernster Automatisierungstechnik (der Firma FESTO) verbindet, dann darf man ihm durchaus – ohne jede Bösartigkeit – jene ursprünglichen Impulse zum Krachmachen unterstellen, die oben beschrieben wurden. Indem er als Künstler mit seinem automatisierten Ratschenorchester diesen Lärm produziert, überschreitet er jedoch bewusst gleich mehrere Grenzen: 1. Die Grenze als erwachsener Mensch jenseits der rituell legitimierter Ereignisse wie Karneval, Stadion oder Demonstration Krach zu machen; 2. Zweitens die Grenze zwischen Bildender Kunst und Musik; und 3. Die Grenze des guten Geschmacks, weil er eben keine Musik, sondern Lärm macht und damit das kulturelle Mindestniveau seiner Profession in akustischer Hinsicht weit unterschreitet.

Unter all diesen Aspekten betrachtet erscheint das Ratschenorchester des Stuttgarter Künstlers als Ausdruck einer ursprünglichen Freude nicht nur am Krachmachen, sondern auch an der Grenzüberschreitung der Gattungen. Zugleich gelingt es dem Künstler aber auch, die Freude am Krachmachen und Dominieren als anthropologische Grundkonstanten des Menschseins mit den Mitteln der Kinetischen Kunst sicht- und hörbar – und damit letztlich auch reflektierbar zu machen.